Anschi Machatschkala – Hannover 96 3:1 (1:1) am 14.02.2013 um 18:00 Uhr

Auswärtssiege sind schön!!!

Ein Lied aus längst vergangenen Zeiten, so könnte man denken, wenn man an die Ergebnisse der zurückliegenden Bundesligaauswärtsspiele denkt. In der aktuellen Saison gab es bei elf Spielen auf des Gegners Platz nur zwei, im zurückliegenden Spieljahr bei 17 Spielen insgesamt nur zwei Erfolgserlebnisse.

Wer denkt da nicht gerne an das Spieljahr 2010 / 2011 zurück, als die Roten Riesen bei 15 Auswärts-Punktspielen sieben Mal (!) als Sieger vom Platz gingen.

Warum dieses Herumwühlen in Sentimentalitäten? Weil die Europcup-Reisen der 96er bisher durchweg erfolgreicher verliefen und uns dieses Jahr Siege in Dublin, Breslau und Helsingborg bei Unentschieden in Enschede sowie Levante bescherte!

Und darüber hinaus sind unsere Reisen durch die Meteropolen Eurpas das absolute Salz in der Fansuppe. Das der Ostblock seinen ganz besonderen Reiz versprüht, wissen wir seit unserem Ausflug nach Poltawa (Check Thommy!).

Die Auslosung kurz vor Weihnachten bescherte uns einen Gegner ohne jede Tradition, über den jeder schon mal irgendetwas gelesen hatte, aber nicht genau weiß, was das war: Футбольный Клуб Анжи Махачкала.

Also schnell nachgeschlagen, wohin die Reisen nun gehen soll…

Der FK Anschi Machatschkala (russisch Футбольный Клуб Анжи Махачкала / Futbolny Klub Anschi Machatschkala) ist ein 1991 gegründeter russischer Fußballverein aus Machatschkala, der Hauptstadt Dagestans, der seit 2010 in der Premjer-Liga spielt (Quelle).

Aha, also mal nachgeschaut, wo Dagestan eigentlich liegt?

Also Google angeschmiessen, in den Suchergebnissen auf spiegel.de geklickt und folgende Artikel entdeckt:

– Kaukasus: Selbstmordanschlag und Amoklauf erschüttern Dagestan vom 26.08.2012

– Olympia-Schauplatz Kaukasus: Selbstmordattentäter verüben Doppelanschlag vom 04.05.2012

– Kaukasusrepublik Dagestan: Selbstmordattentäterin tötet fünf Polizisten vom 07.03.2012

– Eto’o-Transfer nach Russland: Ausgesorgt in Dagestan vom 24.08.2011

Fassen wir also zusammen:

– Mord, Olympia, Eto´o, ausgesorgt!

Und da, wo der Sportsfreund Eto´o kickt, da ist doch auch Roberto Carlos aktiv, oder? Leicht irritiertes Klicken im WWW brachte die Info, dass der Mann, der um die Ecke schießen konnte, mittlerweile mit dem Titel Sportdirektor versorgt wurde, es irgendeinen Präsidenten mit Dreck am Stecken Geld gibt und mittlerweile Guus Hiddink an der Linie steht. Wikipedia wußte, dass im Kader Juri Schirkow steht, der ehemals bei Chelsea aktiv war und bei Lassana Diarra (vorher Real Madrid) bildete man sich auch ein, dass einem der Name irgendwie bekannt vorkommt.

Ich erinnerte mich daran, dass ich einmal in der 11 Freunde einen Bericht über das Konstrukt Anschi gelesen hatte, wo berichtet wurde, dass in Moskau gelebt und trainiert würde, aber die Spiele in Machatschakala ausgetragen werden. Dagestan also. Matthias Schepp wußte auf spiegel.de Mitte 2010 zu berichten, dass “die Lage nirgendwo […] so brisant ist wie in Dagestan. Der Landstreifen am Westufer der Kaspi-See, kaum größer als Niedersachsen und bettelarm, ist die Heimat von mehreren Dutzend Völkern, die sich erbittert um Posten oder Weideland streiten, während der islamistisch geprägte Untergrund einen Krieg gegen Moskau und dessen Statthalter in Dagestan führt.” Ergänzend sei erwähnt, dass Russlands autonome Teilrepublik Dagestan im Nordkaukasus liegt und östliche Nachbarregion von Tschetschenien, Georgien und Aserbaidschan ist und sich am Kaspischen Meer befindet. Moskau liegt schlanke 2.000 km entfernt, mit dem Auto benötigt ein Reisender 24 Stunden für die Strecke.

Heidewitzka, leck mich en de Täsch! Vielleicht also doch lieber TV in Köln? Aber es könnte unser letztes Europacup-Spiel für die nächsten Jahre sein?

Der geneigte Leser weiß natürlich, dass die Antwort schon in der letzten Frage steckt – so ein Spiel ist schwer im TV zu ertragen. Und dann kam unser Reisepapst und Tourismusfachmann (mit Studium!), mit der Info um die Ecke, dass wir in Moskau spielen. Wahnsinn!

Und wir sollten nicht irgendwo kicken, nur ein wirklich großes Stadion sollte gut genug sein für den alt ehrwürdigen Hannoverschen Sportverein von 1896. Nachdem unser Gegner sein EL-Quali-Spiel der zweiten Runde noch im Saturn-Stadion vom FK Saturn Moskovskaya austrug, war nun das Olympiastadion Luschniki, das ehemalige Zentral- oder auch Lenin-Stadion und geplanter Finalspielort der Fußball-Weltmeisterschaft 2018 der Spielort. Sollte es hierfür eigentlich kurz nach der Leichatlethik-WM 2013 komplett abgebrochen und im Stile des neuen Wembley-Stadions neu errichtet werden, hat nun doch die Vernunft gesiegt und der Bürgermeister soll verfügt haben, dass es nur eine Renvoierung gibt. Aktuell tragen Torpedo und Spartak Moskau dort ihre Liga-Heimspiele aus, Anschi spielt in Machatschkala.

Nun gut, all das sollte uns nicht stören, wussten wir doch nun, dass wir Flüge nach Moskau finden und buchen mussten. Schnell waren die üblich verdächtigen Fluglinien abgeklappert und es stand fest, dass Germanwings Flüge auf irgendeinen der fünf Moskauer Flughäfen anbietet.

Nach Axel, Diplom-Buschmann, Mirco und Daniel, entschloss sich auch Benni S. zum Trip an die Moskwa, Andreas machte einen Rückzieher und Philipp vervollständigte so die kleine, feine Reisegruppe!

Verdi kündigte für unseren Hinreisetag die Möglichkeit von erneuten Warnstreiks des privaten Sicherheitspersonals an, aber dankenswerter Weise blieben wir davon verschont. Ein Streik kurz vor den Karnevalstagen hatte am Airport Köln / Bonn bereits für ordentlich Chaos gesorgt.

Bei der Wahl des Nachtlager hatten wir uns im voraus für das Hostel Ivan und ein kuscheliges Sechs-Bett-Zimmer entschieden: die dicken Alten nach unten, die jungen Schlanken nach oben. Oder anders: Die Bettenverteilung regelte sich von selbst.

Moskau verfügt über ein beeindruckendes U-Bahn-System, die Mitte stellt der Rote Platz dar, in großzügigem Abstand davon gibt es eine kreisförmige Linie und von der Mitte sternförmig abgehende Bahnen. Im Vergleich zu Hannover oder Köln liegen zwischen den Unzähligen Haltestellen allerdings oft mehrere Kilometer, wohingegen bei uns die Bahn kaum einen Bahnsteig verlassen hat und schon wieder den nächsten Stopp einlegt. Das eigentliche Problem stellte jedoch unsere Lesefähigkeiten der kyrillischen Schrift dar. Gab es zwar irgendwie genug Schilder, gelang es uns oft nur unter Bündelung der kompletten Konzentration der Reisegruppe, die richtige Bahn zu erwischen. Rückblicken ist jedoch festzustellen, dass wir uns nie verfahren haben, nur das Finden unseres Hostels am Anreisetag gestaltete sich schwierig. Doch dank Axels letztlich doch aktiviertem GPS-Gerät gelang es uns nicht nur diese Hürde zu nehmen, sondern auch noch in unmittelbarer Nähe unserer Unterkunft einen Supermarkt zur allgemeinen Bierversorgung zu finden. Am Rande sei erwähnt, dass englisch sprechende Menschen ein äußerst seltene Spezies in der Stadt sind.

Mit so geölten Kehlen begaben wir uns zum für den Abend vor dem Spieltag ausgerufenen Gruppentreffpunkt, einer Sportbar, welche Fußball zeigen sollte. Die Bahn für die erste Etappe richtige U-Bahn wurde schnell gefunden, doch beim Umsteigen gab es einen intensive Gruppendiskussion, welche Bahn denn genommen werden musste. Und was passiert, wenn 96er in einer Stadt mit 11,55 Millionen Einwohnern nicht weiterwissen? Richtig, da kommt irgendwo Igor her, seines Zeichens bekennender Exil-96er in Moskau, der uns an seiner Seite zum Treffpunkt führte.

Nun gut, der Service in der Bar war hundsmiserabel – außer für Benni und Axel… – aber irgendwann erhielten wir tatsächlich Speis und Trank (Halber für schlanke vier Euro) und durften in der „Lounge“ parallel die Spiele Dortmunds in Donezk und Manchester in Madrids

Verfolgen. Da müssen wir jedoch konstatieren, dass das für Axel zu viel ist. Ein Spiel reicht ihm!

Nachdem Malte uns netterweise bereits am Abend vor unserer Reise Nachtimpressionen vom Roten Platz hatte zukommen lassen, war klar, dass auch wir das sehen wollten. Ein Fußmarsch kam natürlich nicht infrage, ein Taxi war nicht zugegen, aber es gibt ja genug ‘freie Anbieter’, deren Dienst wir in Anspruch nahmen. Gibt es in deutschen Städten die Tendenz zu Tempo 30, so gilt im nächtlichen Moskau die 100 als grober Maßstab. Wie man sich fühlt, wenn man unangeschnallt auf dem hinteren Mittelplatz sitzt und plötzlich frontal auf einen riesigen Schneeflug steuert, weiß seitdem Benni zu berichten. ABS scheinen diese ‘freien Fahrdienstanbieter’ zumindest nicht zwangsläufig an Board zu haben…

Der Rote Platz (Krasnaja Ploschtschadch), einer der wohl geschichtsträchtigsten Plätze der Welt, besticht durch seine Ausmaße, ca. 500 x 150 Meter und beheimatet alle Wahrzeichen der Stadt. Direkt an den Kreml, grenzt der Spasskij-Turm, das Warenhaus GUM, die Basiliuskathedrale sowie das Lenin-Mausoleum, hinter welchem sich ein Ehrenfriedhof erstreckt, auf dem Josef Stalin und Leonid Breschnew begraben sind (mit Material von GO:ruma). Nebenbei ist das der Platz, auf welchem Matthias Rust vor einiger Zeit mit seinem Flieger von Helsinki kommend gelandet war. Tatsächlich ist dieser Platz wirklich beeindruckend, aber auch eines der wenigen touristischen Highlights der Stadt. Da weit und breit keine Kneipe zu entdecken war, entschlossen wir uns zum gemütlichen Marsch zurück zum Hostel. Auf der Website stand schließlich geschrieben, dass selbiges in zehn Minuten zu Fuß erreichbar sein sollte. Nur wo lang sollten wir laufen?

Unsere zwei Begleiter aus Bonn und Beliefeld, beide mit einem Stadtplan ausgestattet, hatten sich still und heimlich abgesetzt, so dass wir uns nun alleine auf den kurzen Spaziergang begaben. Zusätzlich wurde von Axel noch ein russischer Taxifahrer um Hilfe gebeten, irgendwie malten wir uns aus, was er wohl gemeint haben mochte und liefen los. Gefühlte 25 Minuten später waren wir uns einig, scheinbar nicht den kürzesten Weg gewählt zu haben. Kaum standen wir leicht verzweifelt an einer zwölfspurigen Straße, wobei alle Spuren in dieselbe Richtung führten, kreisten auch schon wieder ein gutes Dutzend ‘freie Fahranbieter’ um uns. Axel versuchte herauszukitzeln, wo sich wohl unser Hostel befinden könnte, aber letztendlich blieben wir ratlos. Allerdings verbreitete sich Kenntnis, dass wir uns unserem Hostel maximal unwesentlich genähert hatten. Also beschlossen wir, ein vertrauensvoll wirkenden Fahrer zu wählen, der uns in zwei Touren nach Hause fahren sollte… die erste Dreier-Gruppe machte sich auf den Weg und es sollte maximal zehn Minuten dauern, bis uns unser Chauffeur abholen sollte. Nach 15 Minuten wählte Axel Bennis Telefonnummer, der zu berichten wußten, dass weder sie, noch der Fahrer wußten, wo sich der gesuchte Zielort befinden sollte.

Die zurückgebliebenen Axel, Diplom-B. und Daniel entdeckten den Lada, einen der Wagen von der ersten Tour, der uns vertrauenserweckender als alle anderern Kutscher wirkte. Er erkannte uns auch wieder, kreuzte quer die zwölfspurige Straße, nahm uns auf und fuhr uns zum Supermarkt an unserem Hostel. Dort war knapp vor uns auch die erste Reisegruppe angekommen, so dass fast alles gut war, bis auf die getätigte Feststellung, dass es nachts keinen Alkoholverkauf in unserem Supermarkt gibt. Somit war klar, was uns am Folgetag nicht passieren würde!

Den Spieltag starteten wir mit gemeinsamen ausschlafen, bis – ja bis Axel Langeweile hatte und alle durch die sinnlose Frage aus den Auswärtssiegträumen riss, wer denn nun in zehn Minuten an der von Igor initiierten Stadtführung teilnehmen wolle. Niemand natürlich, aber so machten wir uns alle ausgehfertig, reisten noch einmal zum Roten Platz, um selbigen auch bei Tag erlebt zu haben, um uns letztendlich mit der Bahn Richtung Stadion zu begeben, um dort den stolzen Bierpreisen im touristisch geprägten Zentrum entkommen zu können. Diese selbst gestellten Aufgabe erledigten wir mit Bravour und landeten in einer Sportsbar, wo wir uns bei Bier, russischen und internationalen Spezialtiäten in Spielstimmung brachten. Auf dem Hinweg wurde noch schnell reichhaltig flüssiges Gold für die Zeit nach dem Spiel erworben, so dass es zu keinen erneuten Engpässen kommen sollte.

Der Weg in den Block verlangte eine gewisse Ausdauer, da uns aufgrund einer von uns nicht näher zu identifizierenden Veranstaltung der kürzeste Weg zum Stadion verwehrt blieb, bei merklich sinkenden Temperaturen. Der große Bogen musste also in Kauf genommen werden und auch anschließend war Durchhaltevermögen gefragt, denn erst nach fünf mehr oder weniger intensiven Leibesvisitationen erhielten wir Zugang zum Stadioninnenbereich. Das Stadion selbst wirkte riesig, sorgte aber auch Gott sei Dank dafür, dass der kalte Wind draußen blieb, so dass man es während des Spiels gut aushalten konnte. Tatsächlich bereiteten auch die Roten Riesen große Freude, da sie aus heiterem Himmel durch einen Treffer von Huszti in Führung gingen.

Letztendlich war es ein merkwürdiges Spielchen, was wir da erlebten. Während eines Großteils des Spiels wirkten unsere 96er hoffnungslos unterlegen, kassierten aufgrund der Arroganz und Nachlässigkeit von Eto´o nur drei Gegentreffer und hatten in den letzten 20 bis 25 Mintuen der Partie tatsächlich noch einige fantastische Einschussmöglichkeiten, um das Ergebnis freundlicher zu gestalten. Hätte, wenn, aber – egal. Mit 1:3 gaben wir uns geschlagen und reisten nach dem Spiel zurück Richtung Hostel. Dort wählten wir für das notwendige Abendessen das Diner neben ‘unserem’ Supermarkt, wo es zu unserem Erstaunen bis 2 Uhr ‘Happy Hour’ gab. Zwei 0,6-Bier zum Preis von einem! Da simma dabei, dat is’ prima! Nachdem wir alle 28 Karaffen, die über unsere Tische gewandert waren, vertilgt hatten, war die notwendige Bettschwere erreicht und wir begaben uns in unser gemütliches Sechs-Bett-Zimmer.

Unsere hervorragenden Gastgeber gewährten uns den dringend benötigten Schlaf und so verließen wir alle ausgeschlafen und frisch geduscht gegen 14 Uhr das ‘Hostel Ivan’, erreichten problemlos den Flughafen und da unser Flieger nicht bestreikt wurde, landeteten wir alle wohlbehalten in Köln / Bonn und in Bremen!

So gab es zwar nicht den erhoffenten Euro League-Auswärtssieg, aber erneut tolle Erfahrungen, die wir ohne den wahnsinnigen Europa-Höhenflug unserer Truppe so nicht hätten erleben dürfen.

Spanien, Ukraine, Belgien, Dänemark, Irland, Polen, Schweden, Niederlande und Russland – man könnte sich daran gewöhnen!

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