1. FC Saarbrücken – TSV Steinbach 4:0 (0:0) am 05.12.2015 um 14:00 Uhr

Die Erinnerung an den ersten Stadionbesuch verblast vielleicht, aber irgendetwas davon bleibt immer hängen. Ich erinnere mich immer noch an das 1:1 zwischen Hannover 96 und Waldhof Mannheim und werde diesen Besuch immer mit dem Torschützen Martin Giesel in Verbindung bringen, der uns dann tatsächlich vor einigen Jahren bei einem 96-KÖLSCH-Frühstück im Loretta´s in Hannover besuchte und aus seinem Fußballer-Leben gemeinsam mit Bastian Hellberg und Hannes Tkotz berichtete.

Der 05.12.2015 ist für die Anhänger des 1. FC Saarbrücken ebenfalls ein historischer Tag, da an diesem Samstag das letzte Spiel im altehrwürdigen Ludwigsparkstadion stattfand, ein Stadion alter Prägung mit Laufbahn, pixeliger Anzeigentafel, grasbewachsenen Stehplätzen mit zahlreichen Wellenbrechern und Holzbänken auf den Sitzplätzen – ähnlich dem alten Niedersachsenstadion. Zur historischen Einordnung: Im Jahr 1919 schaffen Arbeitslose im Volkspark auf dem Ludwigsberg einen ersten Sportplatz, dieser ‘erste Ludwigspark’ ist die sportliche Heimat des FV Saarbrücken. In den 20er- und 30er-Jahren finden hier unter anderem Duelle mit dem FC Bayern München und Real Madrid statt, bevor der Sportplatz nach dem Zweiten Weltkrieg unter 350.000 Tonnen Trümmerschutt verschwindet.
In seiner heutigen Art entstand das Stadion ab 1952 und wurde am 2. August 1953 mit einem Fassungsvermögen von 35.303 Zuschauern (davon 8303 Sitzplätze) mit einer Partie gegen Rot-Weiß Essen eröffnet. Das Luwigspakrstadion diente damals ebenfalls der Nationalmannschaft des autonomen Saarlands als Heimspielstätte, die von 1950 bis 1956 als eigenständiges Mitglied des Weltfußballverbandes FIFA zu Länderspielen antrat. Der aufstrebende 1. FC Saarbrücken wurde 1952 deutscher Vizemeister, nachdem er in der Saison 1951 / 1952 in das deutsche Ligasystem zurückgekehrt war, welches der FCS 1948 verlassen hatte. 1948 / 49 nahm man mit Gastspielrecht ohne Wertung an den Spielen der 2. französischen Division teil, belegte den ersten Platz vor Girondins Bordeaux, durfte aber nicht aufsteigen, wurde vom Spielbetrieb wieder ausgeschlossen und konnte nur noch Freundschafsspiele bestreiten. Der offizielle Zuschauerrekord liegt bei 53.000 Zuschauern, der am 28.03.1954 bei dem WM-Qualifkationsspiel zwischen dem Saarland mit Trainer Helmut Schön und der Bundesrepublik Deutschland (1:3) aufgestellt wurde. Die Zuschauer standen hierbei dicht ans Spielfeld gedrängt sogar auf der Laufbahn.

Wir machten uns am Samstagmorgen von Essen und Köln aus mit der Bahn auf den Weg ins Saarland und kamen nach einem Zwischenstopp in Koblenz um 12:45 Uhr an. Schnell wurde Proviant beim Nahversorger eingekauft, im Schließfach verstaut und es ging zu Fuß zum Stadion, immer den freundlichen Saarländern hinterher. Direkt am Stadion gelegen kehrten wir in die Sportklause in der Ziegelstraße ein, die viel Nostalgie versprühte, wo wir uns unter den anwesenden Saarbrückern und Nancy-Fans bei Cola-Weinbrand, Pils und Merguez in Stimmung brachten. Bei der Merguez handelt es sich um ein ursprünglich marokkanische Gericht bestehend aus Lammfleisch und vielen Gewürzen, die kurz vorm Verkohlen ihren perfekten Garpunkt hat. Serviert wurden diese stilecht aus der Garage zusammen mit saarländischem Karlsberg aus der Stubbi-Flasche. Ein Traum.

Anschließend ging es direkt zum Stadion, wo wir einen ersten Blick in das beeindruckende Rund werfen konnten, was hier ohne Probleme möglich ist, da es nur einen Maschendrahtzaun ohne Sichtschutz gibt. Im Stadion begaben wir uns in den Stehblock neben der Haupttribüne, um einen perfekten Blick auf das Spielfeld und die Virage Est, den Bereich der heimischen Supporters zu haben. Die Heimfans waren in einem gemeinsamen Marsch durch die Stadt zum Stadion gezogen und begrüßten die Mannschaften mit einer schönen Choreo, in welcher die nachgestellte Anzeigentafel des Ludwigsparks den Rahmen bildetete. Dazu ließ man Ballons gen Himmel steigen, hielt sich mit Pyro und Rauch noch zurück, wobei die ersten Rauchtöpfe für passenden gelben,blauen und roten Rauch sorgten.

Beim Gegner stand ein uns altbekannter an der Seitenlinie, kein Geringerer als Thomas BRDaric, der seit kurzem versucht, mit dem TSV Steinbach den Klassenerhalt zu realisieren. Tatsächlich übernahm der Gast das Kommando und setzte sich mehrfach über rechte Angriffsseite in Szene, jedoch ohne zählbaren Erfolg. Erst ab Mitte der ersten Halbzeit schaffte es Saarbrücken, sich etwas zu befreien und kam zu ersten Abschlüssen. Das Bier – tatsächlich wird im Stadionn kein saarländer Bier, sondern Bitburger ausgeschenkt – lief, vor dem Tor lief jedoch nichts mehr und so ging es mit 0:0 in die Pause. Zur Belohnung gab es ein ordentliches Pfeiff-Konzert für die Heimmannschaft.

In der Zwischenzeit kamen wir ins Gespräch mit einigen Heimfans, die sich in keiner Weise mit dem anstehenden Umbau anfreunden können – eine scheinbar weit verbreitete Einstellung. Geklärt werden konnte jetzt endlich die Frage, was nun ein Schwenker ist. Es stand die Aussage ‘ein Schwenker ist ein Grill’ gegen ‘ein Schwenker ist ein Grill und auch ein Steak’. Wir können jetzt stolz vermelden: Beides ist falsch. Ein Schwenker ist ein Grill, eine dreibeinige Konstruktion, die als Halt für den an einer Kette hängenden Rost hängt, der frei schwebend über dem Feuer hängt. Ein Schwenker ist aber auch das Grillfleisch, welches man über der Flamme gart. Darüber hinaus ist aber auch der Griller ein Schwenker! Somit ergibt sich für uns: Ein Schwenker schwenkt Schwenker auf dem Schwenker!

Die zweite Halbzeit begann spektakulär, nicht nur das die Heimfans nun richtig loslegten und zeigten, das Rauch und Pyros gepaart mit Gesang einen fantastischen Rahmen für ein Fußballspiel bieten, sondern auch, weil aus der BRDaric-Elf nach einer Notbremse in der 47. Minute eine Zehn wurde. Den fälligen Elfmeter verwandelte Matthew Taylor in der 48. Minute und nur sieben Minuten später erhöhte Marius Willsch auf 2:0. Erneut Taylor erhöhte auf 3:0, bevor es Felix Luz vorbehalten war, den letzten Treffer im alten Ludwigspark zu erzielen. Die Party erhielt ihren Höhepunkt mit einem Feuerwerk nach dem Abpfiff und wir machten uns schnell auf den Weg zum Bahnhof.

Und hier zeigte sich, das Ordnung das halbe Leben ist. War doch kurzfristig der Verbleib der Gruppenfahrkarte für die Rückfahrt ungeklärt, tauchte sie kurz vorm Bahnhof wieder auf. Wenn etwas ordentlich weggepackt ist, muss man nur wissen, wo es dann im Notfall liegt. So sammelten wir die leicht durchnässte Fahrkarte von der Straße auf, die zwischen zwei Autos am Straßenrand lag und etwas unter dem einsetztenden Regen gelitten hatte, uns aber nahezu in Bestform die Rückfahrt ermöglichte. Die Büchsen Karlsberg für die Rückfahrt wurden verstaut und wir machten uns nach diesem emotionalem Tag im Ludwigspark auf den Rückweg, bis Koblenz mit der Regionalbahn und anschließend standesgemäß mit dem ICE.

Im Ludwigsparkstadion bestritten die Saarbrücker 233 Bundesliga, 501 Zweit-Liga- und Dritt-Liga-, Regionalliga- und im Jahr 2008 / 2009 auch Oberliga-Punktspiele. Zuletzt mit 36.000 Zuschauern ausverkauft bei einem Punktspiel war der Park 1992 gegen den FC München sowie im DFB-Pokal 2013 mit 30.000 Besuchern gegen Dortmund. Im Relegationsspiel um den Dritt-Liga-Aufstieg im Sommer 2015 kamen etwas über 10.000 Menschen, beim Abschied gegen Steinbach wurden jetzt 3.771 Besucher verkündet. Nun stirbt hier also etwas, wobei die 1963 erstellte und 2006 zuletzt sanierte Flutlichtanlage und die am 27.03.1985 beim Länderspiel Deutschalnd gegen Malta (6:1) eingeweihte Anzeigentafel im umgebauten Ludwigsparkstadion erhalten bleiben sollen.

Und etliche Heimfans gehen mit vielen Erinnerungen nach Hause, nun nicht nur mit solchen an den ersten Besuch im Ludwigsparkstadion, sondern auch mit denen, an den letzten Besuch in ihrem geliebten Stadion, welches nun sein Gesicht, wenn auch nicht ganz verlieren, so aber auf jeden Fall massiv verändern wird. Herzergreifend, wie sich Herren weit der 60 zu einem Gruppenselfie zusammenfinden, um sich ein letztes Mal vor dem liebgewonnenen Rund abzulichten.

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