1. FC Kaiserslautern – Hannover 96 0:1 (0:1) am 26.09.10

Auswärts in Lautern oder auch: Schweinemarkt am Betzenberg!

Was unterscheidet ein Sonntagsspiel in der Bundesliga von einem normalen Samstagsspiel?
In der Regel kann man länger schlafen und Auswärtsspiele stellen die Anhänger eines jeden Vereins vor die Frage, ob überhaupt eine gesicherte Rückreise realisierbar ist. Gut, wenn man der größte Fanclub verstreuter 96-Fans im Rheinland ist und über finanzielle Kapazitäten verfügt, welche eine dekadente Anreise in Mietwagen von Köln nach Kaiserslautern ermöglichen.

Eine weitere wichtige Erkenntnis über Sonntagsspiele in der Bundesliga soll an dieser Stelle nicht unterschlagen werden: Je nach Spielplan und mathematischer Fähigkeiten, kann man sich schon am Samstagabend ausmalen, in welche Tabellenregionen der großartige Hannoversche Sportverein von 1896 mit einem Sieg vordringen kann. Richtig, musste man zum Ende der letzten Saison noch mühsam die potenziellen Punkte mit dem Punktestand des 15. der Liga abgleichen, steht man in dieser Saison bisher vor der Frage, ob man sich wirklich die nächste Saisonvorbereitung durch eine unnötige Championsleage-Qualifikation erschweren möchte. Der erfahrene Fussballfreund merkt, es ging an diesem Tag für die Roten um das Erreichen des dritten Tabellenplatzes.

Für die zwei Ehrengäste der Fahrt begann die Reise bereits eineinhalb Stunden vor dem eigentlichen Abfahrtstermin, schließlich musste noch die Strecke zwischen Aachen und Köln mit dem Zug überbrückt werden. Hatte das Wochenende für die beiden bereits einige Hochlichter zu bieten, stellte sich die Fahrt im Verlauf  als relativ kurzweilig dar und das erste Export-Bier des Tages wurde, in freundschaftlicher Verbundenheit, brüderlich geteilt. Die kurze Wartezeit am Ehrenfelder Bahnhof wurde mit Nahrungsaufnahme beim hiesigen Fleischbrotschmied überbrückt. Zu meiner großen Freude konnte ich einer meiner Leidenschaften nachgehen und verrichtete frohlockend mein erstes, kleines Geschäft. Auf einem Dixiklo. Festivals und andere Veranstaltungen haben zu einer großen Verbundenheit – zwischen mir und diesen Klos – geführt. Vielleicht der Stoff für einen zukünftigen und umfangreichen Bildband. Wer auch immer dafür verantwortlich war: Danke!

Anschließend begaben sich die beiden Wahl-Aachener zu dem verabredeten Treffpunkt. Konnten einige Reisende an diesem Tag nicht mit Pünktlichkeit glänzen, ist das etwas, was man sicherlich nicht Andreas vorwerfen kann.  Trotz Schwächung durch einen grippalen Infekt, zeigte er sich in einer bestechenden Frühform. Benni und ich bekundeten unsere Verbundenheit, mit dem wohl weltbesten Radiosender von hier bis zum anderen Ende der Galaxis. Endlich bequemten sich auch die Übrigen, so langsam aber sicher, die Abfahrt anzutreten.

Der 18-Mann/Frau-Kader dieses Tages setzte sich aus folgenden Spielern zusammen: Andreas, Axel, Benjamin (Gründungsmitglied), Alex (Capitano, Präsident und Geldvorstrecker), Cristoph, Rene (ist und bleibt ein Frauenname), Steffi (Langzeitudentin mit klasse Lernsystem), Marvin (Neuverpflichtung und Shooting-Star), Gereon (eigentlich Chemiker; von einem Ölmagnaten in die Mannschaft gekauft), Gereons-Frau, Benni (Ausleihe vom BVB), Hannes, Linda (zweitliebster Ungar nach Huszti), Manu, Step (endlich mal wieder im Kader der Mannschaft), Dieter (Lufterfrischer-mit-Bulettengeruch-Hersteller aus der Eifel), Tim und ich (obk, seit 18 Jahren im Verein).

Die Reisegruppe spaltete sich ziemlich schnell in zwei Lager, so dass die bunt-geschmückten Festwagen zügig besetzt werden konnten. Um die Sache kurz zu machen: es gab einen überaus coolen Wagen mit hoch motivierten, talentierten, jungen und gut aussehenden Menschen und einen Pärchen-Wagen. Dennoch muss an dieser Stelle auch mal Kritik angemerkt werden. Mag auch die Aufstellung das Optimum gewesen sein, was der Kader zu bieten hatte, war die taktische Ausrichtung nicht befriedigend. Zumindest saß ich nicht neben Manu.

Auf dem Weg zur Autobahn mussten noch einige Kölner Problemviertel durchquert werden, was jedoch ohne nennenswerte Zwischenfälle erreicht werden konnte. Apropros Problemviertel: der erste Autobahn-Abschnitt konnte aufgrund der überragenden Fähigkeiten der beiden Fahrer (danke an das A-Team) schnell hinter uns gelassen werden und führte uns in eine Region Deutschlands, die ich bisher nur aus Bio-Büchern aus der Schule kannte. Pinkelpause und Krachmachen an einer der wenigen Tankstellen der Region führte zu einer kurzen Zusammenführung der beiden Busbesatzungen. Der Grund des Verlassens befestigter Straßen war die Befreiung eines, in dieser unwegsamen Natur festgehaltenen, 96ers. Die Entführer sahen nicht wirklich begeistert ob dieser Befreiungsaktion aus, trugen allerdings zur Deeskalation der Lage selbst bei und auch die Mädels konnten ihre erste Notdurft verrichten.

Die Biologen der Gruppe beschäftigten sich derweil mit einer Vegetationsaufnahme der örtlichen Fettwiese nach Braun-Blanquet. Wann hat man schon mal die Möglichkeit unberührte Natur, ohne jeglichen anthropogenen Einfluss, zu untersuchen? Genau, ziemlich selten! Möglicherweise in irgendwelchen Regenwald-Regionen Südamerikas, aber ob 96 dieses Jahr das internationale Geschäft erreicht, kann man zumindest zu diesem Zeitpunkt der Saison noch nicht mit absoluter Sicherheit sagen. Die Freude war groß, als jeder, der an der Befreiungsaktion beteiligten Aktivisten, ein Geschenk überreicht bekam. Die Luft war förmlich zum schneiden. Ein Gemenge aus Zwiebeln, Eiern und gebratenem Hackfleisch war in der Lage, auch das letzte Molekül elementaren Sauerstoffs aus den Wagen zu verbannen. Vorbei an traditionsbewussten Eifelanern verließen wir, unter dem Gedröhne von Kleinkaliberwaffen, das Krisengebiet.

Zum weiteren Reiseverlauf gibt es eigentlich nichts nennenswertes zu berichten. Möglicherweise mag man das in dem anderen Wagen anders sehen, weswegen ich jetzt mal ausführe, was die andere Besatzung wahrscheinlich als nennenswert erachten würde. Bei diversen Überholmanövern unserer Busse, kamen wir (also der Bus mit den hoch motivierten, talentierten, jungen und gut aussehenden Menschen) in den zweifelhaften Genuss diverser Darbietungen der anderen Besatzung (später wollte man uns das auch noch wirklich als Choreographien verkaufen). Ganz ehrlich, die Idee empfand ich grundsätzlich als lobenswert, erinnerte aber eher an die Choreographien der Duisburger aus der 1.Liga-Saison vor einigen Jahren.

Zugegeben, kam die Stimmung in meinem Bus eher schleppend in Gang, entwickelte sich der Bus nach und nach zu einem Tollhaus.

Um den Ureinwohnern möglichst ungestört bei der Ausübung ihrer Riten und Bräuche über die Schulter blicken zu können, fuhren wir in ein Reservat mit Park-und-Reit-Service. Man war ich aufgeregt! Würden sie mich verstehen, oder gar als Teil ihrer Herde akzeptieren? Wo genau das war, kann ich nicht mehr sagen. Irgendwo im Nirgendwo! Ein Areal abgeschirmt durch das Mittelgebirge und somit geschützt vor der Außenwelt.

Spätestens jetzt war es Zeit die Mitreisenden über die wahre Intention meiner Mitreise aufzuklären: ICH WOLLTE ZUM SCHWEINEMARKT !!!

Aufgrund meiner ökologischen Kenntnisse über Populationsdynamik, war mir klar, dass ich hier mit Plumpheit nicht weit kommen würde. Ich tastete mich also langsam heran. Mit Fragen nach der letzten Ernte und dem Gesundheitszustand der Nutztiere, nach der großen Zitzenmauke-Epidemie, war es mir möglich, das Vertrauen der Landbevölkerung zu gewinnen. So muss sich der große Begründer der Evolutionstheorie, Charles Darwin, auf den Galapagos-Inseln gefühlt haben. Wahnsinn! Meine Erregung stieg. Möglicherweise ging ich zu weit, als ich ihnen zeigte, wie man bei uns uriniert. Vielleicht konnten sie das schon. Vielleicht waren sie aber auch nur über die freizügige Zur-Schau-Stellung meiner Scham verschreckt.

Spricht man den gemeinen Pfälzer auf die Existenz des Schweinemarktes an, erntet man in der Regel ein verschmitztes Lächeln und ungläubiges Achselzucken. Ja klar, ihr wisst doch alle ganz genau wo der stattfindet! Aber das sollte meine Laune nicht schmälern. Sollte ja noch ein längerer Tag werden, einer würde sich bestimmt verplappern.

Ach ja: Plötzlich war auch sujo da (mit Anhang). Ohne den verräterischen schwarz-weiss-grünen Schal hätte ich wohl auch ihn mal auf den Schweinemarkt angesprochen.

Wohl dem, der in der Kunst der Täuschung und Irreführung bewandert ist. Also sammeln und einfach der einheimischen Herde hinterher. In der Kunst der Täuschung und Irreführung sah sich wohl auch der örtliche Bierverkäufer bewandert. An dieser Stelle ein persönlicher Gruß, auch wenn du es wohl nie lesen wirst: Pfälzer über den Tisch ziehen kann ich auch, aber Hannoveraner knackt man nicht so einfach!

Kurze Zeit später transportierte uns der Reit-Service in ein – in den Zeiten des „Modernen Fussballs“- leider in Vergessenheit geratenes Stadionumfeld. Wer braucht eigentlich Stadien auf einem abgelegenen Acker? Ich sicherlich nicht und der Pfälzer – Gott sei dank! – auch nicht! In den Zeiten, als einem Navigationssysteme noch nicht im Aldi hinterher geschmissen wurden, fuhr man immer gut damit, wenn man an Tankstellen nach dem Weg fragte. Um es vorweg zu nehmen: auch die nette Benzinverkäuferin konnte ich nicht ausreichend bezirzen, um den Austragungsort des wöchentlichen Schweinemarktes zu erfahren. Was ich allerdings erfahren habe ist, dass man in Lautern Hansa-Export für 77 Cent an der Tankstelle erwerben kann. Also entweder klappt das Bündnis mit dem Teufel in Kaiserslautern ausgezeichnet oder Gott stellt sein letztes Aufgebot, um seine Schäfchen wieder auf die gute Seite der Macht zu kriegen. Wer nun letztlich dafür verantwortlich ist, wird ebenso schwer zu erfahren sein wie….wie…..wie….ihr werdet es schon ahnen, der Ort des Schweinemarktes. Jedenfalls war es nun an der Zeit, den Pfälzern etwas zurück zu geben. Also versuchte ich mich noch kurzzeitig im Fanartikelverkauf und brachte dem eigentlichen Verkäufer eine wohlverdiente, wenn auch kurze, Verschnaufpause.

Übrigens hatte nicht nur ich meinen Spaß. Zumindest Benni, also dem Benni aus Dortmund, wusste das Hansa-Export zu gefallen. Auch die anderen hatten ihren Spaß. Zumindest kamen hinterher keine Klagen.

Weiter ging der Weg über eine kleine Anhöhe. Ein erhöhtes Polizeiaufkommen ließ mich vermuten, dass ich wohl am Ziel meiner Reise angekommen sein musste. Dem war aber nicht so, nur das Stadion, Gästebereich, deswegen wohl die Polizisten. Für die, die es nicht mitbekommen haben: hätte mich vorm Stadion fast noch übergeben. Nicht, weil ich betrunken war, hab mich nur verhustet.

Randnotizen: Das Stadion hält von innen, was das Äußere verspricht. Schön eng mit steilen Rängen. Ein Stadion, was wohl schon viele Freunde des runden Balles in Verzückung versetzt hat. Der Gästeanhang wird von mir jetzt mal auf irgendwas um die 500 geschätzt. Da wir relativ knapp im Stadion angekommen waren, dauerte es nicht mehr lange, bis die Spieler das Feld betraten und irgendetwas ablieferten, was wohl entfernt an Fussball erinnern sollte. Kurz gesagt: das Spiel war eher zäh mit Übergewicht für die Lauterer.

So aufgepasst, Schenkel freimachen, Wortspiel-Alarm: Wirklich laut waren die Lauterer an diesem Tag aber nicht. Der Gästeblock wird sich doch einige Male lautstark bemerkbar gemacht haben, was nicht nur, aber auch der Architektur des Stadions geschuldet war.

Nach einer Möglichkeit der Lauterer um die 37. Minute herum, ging es dann ziemlich schnell. Pass auf die Außen, Flanke von Schmiedebach auf Höhe des gegnerischen Strafraums, Kopfball, Abdellaoue, Tor!  Teufelskerl, schießt der doch glatt sein nächstes Tor.

Muss man mal ein Lied drüber machen, denk ich mir, liege aber schon bei irgendwelchen Fremden in den Armen. In der Folge passiert nicht mehr viel. Halbzeit. Pinkeln musste ich hier zwar keinem zeigen, hab ich aber trotzdem gemacht. Hier und dort noch einen Schluck Bier schnorren und zurück in den Block. Zweite Halbzeit war ähnlich der Ersten. Zerfahrenes Spiel. Der neutrale Zuschauer am TV wird sicherlich seine helle Freude an dem Spiel gefunden haben. Lautern hatte weiterhin Übergewicht und fand nebenher noch Zeit unser Sturmduo zu verletzen. Hab ich aber ehrlich gesagt nicht im Stadion mitbekommen. Die roten Teufel hatten gerade in der Schlussviertelstunde noch einige Chancen, allerdings hab ich mir nie wirklich große Sorgen gemacht und auch die Nebenleute sahen nie wirklich beunruhigt aus, dass doch noch der Ausgleich fällt. Schlusspfiff, Jubel und kurze Feierei mit der Mannschaft. Florian Fromlowitz kam noch mal für eine extra Einlage in die Kurve. Hat er sich auch verdient. Man muss sich schon wundern, wenn ein Spieler, der zuvor 14 Jahre bei dem Heimverein tätig war, mit schmutzigen Wörtern bedacht wird. Das Einblenden der derzeitigen Tabellensituation sorgte abermals für überschwänglichen Jubel. Anschließend noch ein paar Gesänge die unsere Europapokalambitionen unterstrichen.

Kurz darauf huschte auch Daniel an mir vorbei. Zumindest denke ich, dass er das war, ging alles viel zu schnell für mich. Wirkte wie ein auf die Tribüne verbannter Profi, der mit seiner Spielerfrau beleidigt das Stadion verlässt. Tja, lieber Daniel, so spielt man sich aber nicht wieder in den Kader! Weißt du ja wohl hoffentlich selber, oder!?

Zurück zum Wesentlichen:
Auf dem Rückweg gab es noch einen Pflichtbesuch bei der lieb gewonnen Tankstelle.
War ziemlich voll dort. Verdammt, Schweinemarkt wohl schon vorbei! Auch hier brachte Nachfragen abermals nix, schlimmer noch, es wurde mit Anfeindungen reagiert. Mal ehrlich Leute, ich kann doch nun wirklich nix für die derzeitigen Schweine-Kurse! Ihr wolltet mich doch nicht mal dabei haben. Wer hat hier eigentlich Grund zum sauer sein? Die Busfahrt wurde mit dem Vortragen hannöverschen Liedguts verbracht. Ich glaube das hat nicht nur uns Spaß gemacht! Abwerbungsversuche junger Lauterer wurden, zu meist von den Vätern, im Keim erstickt. Ich ließ mich nicht lumpen und schaute nochmal bei dem Bierverkäufer im Reservat vorbei. Er möchte seine Bierpreispolitik noch einmal überdenken. Das nenne ich mal einen Erfolg!

Auf der Rückreise mutierte unser Bus zum Samba-Wagen! Und ich hab noch neben Manu gesessen. Zwar nicht lange aber immerhin. Der stete Tropfen höhlt den Stein! Steffi hat ihre Ankündigung wahr gemacht und tatsächlich gelernt. Mach nur weiter so, dann bleibst du uns noch lange im Rheinland erhalten.

Ich hätte gerne das Gesicht von Dieter gesehen, als er erfahren hat, dass er wieder seinen Entführern übergeben wird. Hab ich aber nicht, war ja im anderen Wagen. In dem Samba-Wagen. Feiern!  Trotzdem danke für die Frikadellen und nichts für ungut!

Habt ihr wieder eine Schlaf-Choreo gemacht?
In Köln kamen wir gerade so pünktlich an, dass Benni und ich noch mit Hilfe eines Sprints den Zug nach Aachen erreichen konnten. Darunter hat natürlich das Verabschiedungsritual gelitten.

Was bleibt zurück? Sicherlich ein großer Tag für Hannover 96 und die Biologie.

Weiß ich zwar noch immer nicht, wo der Schweinemarkt ist, hab ich mir sicherlich ein paar Freunde in der Pfalz gemacht.

Vielleicht kriege ich das ja nächstes Jahr raus – oder auch nicht!

Und eigentlich ist der gemeine Pfälzer ja doch ganz nett!

0 comments on “1. FC Kaiserslautern – Hannover 96 0:1 (0:1) am 26.09.10Add yours →

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

96KÖLSCH